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„Aber sie kann doch laufen?“ – Was Run Away über EDS und Rollstuhlnutzung mit Restgehfähigkeit zeigt

Eine Familie auf einem Uni Campus. Alle tragen Boxen und Koffer. Eine Person sitzt in einem Rollstuhl.

Run Away, Netflix’ neue Harlan-Coben-Adaption, ist natürlich voller Wendungen. Aber für viele aus der EDS-Community ist das Spannendste nicht der nächste Plot-Twist – sondern etwas viel Grundsätzlicheres: Die Serie zeigt (endlich mal) eine Rollstuhlfahrer*innen mit Restgehfähigkeit realistisch.

Worum geht’s? Run Away ist ein düsterer Thriller/Drama über Simon Greene, der nach seiner suchtkranken Tochter Paige sucht. Je näher er ihr kommt, desto mehr Geheimnisse tauchen auf – und die drohen, seine Familie komplett zu zerstören. Ein Familienmitglied ist die jüngste Tochter Anya, gespielt von Ellie Henry: Sie sitzt in manchen Szenen im Rollstuhl, steht oder geht in anderen, aber ohne Hilfsmittel. Und die Serie erklärt das nicht. Absichtlich.

Und genau daran sieht man, wie nötig solche Repräsentation ist. Denn die Rollstuhlnutzung von Menschen mit Restgehfähigkeit (im Englischen viel einfacher bezeichnet als “ambulatory wheelchair user”) wird ständig missverstanden. Viele nichtbehinderte Menschen können sich schlicht nicht vorstellen, dass jemand an einem Tag einen Rollstuhl braucht und am nächsten laufen kann – obwohl genau das bei vielen Behinderungen und chronischen Erkrankungen Alltag ist. Symptome schwanken. Belastbarkeit schwankt. Das nennt sich dann dynamische Behinderung. Trotzdem taucht diese Realität im Mainstream-TV kaum auf.

Anya steht nicht im Mittelpunkt des Thrillers. Trotzdem ist ihre Figur online zu einem der meistdiskutierten Elemente geworden – weil ihre Behinderung nicht dem entspricht, was viele Zuschauerinnen auf dem Bildschirm erwarten. In Kommentaren, die kurz nach der Veröffentlichung online erschienen sind, wurde sogar gefragt, ob die Rollstuhlnutzung mit Restgehfähigkeit ein Kontinuitätsfehler der Regie sei. Diese Reaktion ist für viele Menschen mit unsichtbaren und dynamischen Behinderungen nur zu vertraut: Wenn jemand aufstehen kann, wird schnell angenommen, die Person brauche keinen Rollstuhl. Das gängige Klischee ist noch immer die vollständig gelähmte Person, die ihre Beine gar nicht bewegen kann. Daraus entstehen dann diese „Oh mein Gott, sie ist geheilt!“-Momente – etwa im Supermarkt, wenn eine Person mit Rollstuhlnutzung mit Restgehfähigkeit kurz aufsteht, um etwas aus einem höheren Regal zu nehmen. In Wirklichkeit können viele Rollstuhlnutzerinnen stehen oder kurze Strecken gehen, sind aber trotzdem auf ihren Rollstuhl angewiesen, um Schmerzen, Erschöpfung, Schwindel, Instabilität oder andere Symptome zu bewältigen.

Henry hat gegenüber RadioTimes.com gesagt, sie habe genau diese Reaktionen erwartet und das Thema früh in Gesprächen mit dem Team angesprochen – sich aber bewusst dagegen entschieden, das im Drehbuch erklären zu lassen. Im echten Leben hat Henry das Ehlers-Danlos-Syndrom und nutzt selbst einen Rollstuhl, kann aber noch ein bisschen gehen. In der Serie ist das einfach ein Fakt – ohne großen Fokus, ohne Sonderszene. Und das ist ein echter Bruch mit dem üblichen TV-Muster, das Behinderung als große „Problemstory“ zeigt – oder die Behinderung medizinisch erklärt, damit nichtbehinderte Zuschauer*innen sich nicht irritiert davon fühlen. Run Away macht’s anders: Behinderung ist beiläufig da, aber wird nicht zum Plot-Werkzeug.

Und jetzt kommt noch ein Punkt, der richtig bahnbrechend ist: Anyas Figur war ursprünglich im Buch gar nicht als behindert geschrieben. Da Henry aber Rollstuhlnutzerin ist, hat die Produktion ihre gelebte Erfahrung so übernommen. Normalerweise läuft es in der Branche eher andersrum: Behinderte Figuren werden gestrichen oder gar nicht erst geschrieben. Und behinderte Schauspieler*innen bekommen oft nur Rollen, die sich explizit um Behinderung drehen. Hier wurde eine Figur, die nicht als behindert geplant war, behindert – weil man einer behinderten Schauspielerin die Chance gegeben hat, die Rolle zu spielen. Das passiert viel zu selten.

Für die EDS-Community ist das ein wichtiges Signal. Menschen mit EDS müssen sich ständig erklären, ständig rechtfertigen, ständig Missverständnisse ausräumen – und die enorme Bandbreite an Symptomen sieht man im Mainstream fast nie, gerade wenn es um Hilfsmittel geht.

Klar: Run Away löst nicht alles. Anya ist nicht die Hauptfigur, ihr Anteil ist im Vergleich zur zentralen Mystery-Story eher klein. Aber allein, dass Rollstuhlnutzung mit Restgehfähigkeit in einer großen Mainstream-Produktion so selbstverständlich vorkommt, ist für viele schon ungewöhnlich – und macht Hoffnung. Und ehrlich gesagt: Dass die Serie es nicht erklärt, hat wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit und Diskussion ausgelöst, als ein kurzer Dialog je geschafft hätte.

Am Ende ist es kein Kontinuitätsfehler. Es ist eine Repräsentationslücke – und Run Away zeigt, wie groß die noch ist.

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